Der Mohr im Gemeindewappen: Ein verehrter Heiliger oder rassistisches Klischee?

Der „Mohr“ taucht in Deutschland recht häufig auf: Als Namensgeber für Straßen, Apotheken, Gasthäuser, Hotels oder in vielen Wappen von Gemeinden und Städten, sowie als Werbefigur, Süßigkeit und nicht zuletzt als einer der Könige aus der Weihnachtskrippe und als Sternsinger.
In unseren Kindheitserinnerungen steht der Sarotti-Mohr mit Pluderhosen und Schnabelschuhen für den süßen Schokoladengenuss. Wir haben gerne Mohrenköpfe gegessen, ohne uns dabei etwas Böses zu denken. Mit dem schwarz angemalten Melchior sind wir als Sternsinger von Haus zu Haus gezogen und an den prächtigen schwarzen Kopf an der Fassade einer Mohrenapotheke hat sich niemand gestört.
Doch der gewaltsame Tod des schwarzen US-Amerikaners Georg Floyd im Mai 2020 hat die Rassismus Debatte in Deutschland neu entfacht und auch eine breite Diskussion über den „Alltagsrassismus“ angestoßen. In der Gesellschaft ist die Sensibilität für Diskriminierung gestiegen und damit die Bereitschaft, sich dagegen zu engagieren.
Beispiele aus jüngster Vergangenheit gibt es zur Genüge. Seit 2004 existiert die über hundert Jahre alte Werbefigur Sarotti-Mohr als Markenzeichen der Firma Stollwerck nicht mehr. In Augsburg hat man 2020 das jahrhundertalte Hotel „Drei Mohren“ umbenannt. In Ulm wurden die Heiligen Drei Könige aus der Krippe verbannt, weil der schwarze König Melchior mit seinen wulstigen Lippen und Ohrringen rassistisch sei. Das Kindermissionswerk plädierte dafür, dass sich Sternsinger nicht mehr schwarz anmalen sollen. Das historische Coburger Stadtwappen, das den Kopf eines Schwarzen zeigt, den Heiligen Mauritius, soll umgeändert werden. Für die Aktivisten stellt es einen verletzenden, rassistischen, kolonialistischen Stereotyp eines Schwarzen Menschen dar.
Die Debatten zur Umbenennung von Mohrenstraßen, -apotheken, -wappen werden heftiger.

Aber ist der „Mohr“ per se ein diskriminierendes Klischee? Jeder Name hat doch seine eigene Entstehungsgeschichte und ist daher nicht pauschal rassistisch. Werden alte Traditionen nicht vernichtet und die Geschichte ausgewischt?
Das Wort „Mohr“ (althochdeutsch mor) bezog sich ursprünglich auf die Bewohner (lateinisch: mauri) der römischen Provinz Mauretanien. Es wurde dann später auf alle dunkelhäutigen Afrikaner übertragen. Ableitungen aus dem Lateinischen wären: Maurus (Vorname), die Mauren, Mauretanien, Mauritius und Moritz (Vorname).
Der heilige Mauritius war der Überlieferung nach Anführer der Thebaischen Legion, die aus Christen aus der Gegend um Theben in Ägypten bestand und Ende des 3. Jh. in Agaunum (heute St-Maurice im schweizerischen Kanton Wallis) stationiert war. Die Legionäre verweigerten eine Opferhandlung oder einen Befehl, den sie mit ihrem christlichen Glauben für unvereinbar hielten. Daraufhin wurden sie dezimiert, das heißt, jeder zehnte Soldat wurde exekutiert. Da sich aber alle Legionäre weiterhin weigerten, wurden schließlich alle hingerichtet. Die Christen verehren hier also einen Mohren als Märtyrer, der so in zahlreichen Stadt- und Gemeindewappen dargestellt ist. Im Wappen der Herren von Grumbach und Wolffskeel ist er ebenfalls vorhanden und wurde 1958 in das Gemeindewappen von Unterpleichfeld aufgenommen.

Ab dem späten Mittelalter verbreitete sich die Darstellung der Heiligen Drei Könige als Vertreter der damals bekannten Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Folglich wurde einer der Könige als Schwarzer dargestellt. Viele Gasthäuser, die das Wort „Mohr“ im Namen führen, gehen auf den Hl. Mauritius oder auf den schwarzen König zurück. Das Augsburger Traditionshotel „Drei Mohren“ wurde aber so benannt, weil 1495 drei dunkelheutige Mönche hier überwinterten und der Gastwirt fortan stolz seine Herberge nach diesen Gästen benannte.
Einen anderen Hintergrund gibt es bei den Mohren-Apotheken. Name und der oft damit verbundene Mohrenkopf über dem Eingang sollten auf die überlegene Heilkunst des Morgenlandes verweisen. In Europa hatte man die Vorstellung, dass sowohl der Nahe Osten als auch Nordafrika von >>Mohren<< bevölkert war.

Betrachten wir das historische Gemeindewappen von Unterpleichfeld:
Gespalten von Gold und Blau; vorne ein Mohr mit grünem Federschurz, der in der Rechten einen Strauß mit drei roten Rosen mit grünen Stängeln hält; hinten ein silberner, mit drei blauen Ringen belegter Schrägbalken. Diese Schildhälfte ist dem Stammwappen der Echter von Mespelbrunn entnommen, weil der bekannte Fürstbischof Julius aus diesem Geschlecht 1604 dem Ort nach dem Übergang an das Hochstift Würzburg eine eigene Dorf- und Gerichtsordnung verlieh.
Die vordere Hälfte geht zurück auf das Wappen der Adelsfamilie Wolffskeel und zeigt einen nach rechts schreitenden Mohr mit drei roten Rosen, ein Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit. Zuweilen hat sich das Gewand des Mohren geändert, bis sich später der grüne Federschurz verbindlich einbürgerte. Laut Tradition stellte der Mohr den Hl. Mauritius dar. Ritter Eberhard von Wolffskeel (gest. 1379), der Stammvater der Wolffskeel, soll den Heiligen in das Wappen genommen haben. Der Hl. Mauritius fand im Mittelalter große Verehrung und war auch der Schutzheilige des Heiligen Römischen Reiches und seiner Kaiser.
Wolflin von Wolffskeel, der 1282 einen Teil der Grumbachburg erwarb, übernahm den angesehenen Namen „Grumbach“, behielt aber das Familienwappen bei. Dies führte mit der Zeit immer wieder zu Streitigkeiten der Wolffskeel mit dem neuen Familienzweig derer von Grumbach, bis schließlich Kaiser Maximilian 1492 festlegte, dass der Mohr der Grumbacher nach links, der Mohr der Wolfskeels nach rechts schreiten soll. So ist im Familienwappen des Wilhelm von Grumbach (1503-1567) der nach links schreitende Mohr zu sehen.
Auch einige Ortswappen ehemaliger Besitzungen der Wolffskeels und Grumbachs beinhalten daher einen derartigen Mohren.
 
Der amerikanische Kulturforscher Jeff Bowersox behauptet in einer Studie, dass sich der Hl. Mauritius im Wappen der Wolffskeel von einer respektablen Gestalt im Mittelalter allmählich zu einer rassistischen Karikatur im 19. und 20. Jahrhundert mutiert ist. Dies begann im Kontext des zunehmenden Konflikts gegen Muslime im 15. Jahrhundert und entwickelte sich mit den Entdeckungsfahrten und dem Welthandel, inklusive afrikanischer Sklaven, weiter. Die schwarzen Menschen nahmen nun exotische und fantastische Züge an, für Bowersox erniedrigende und rassistische Merkmale, die sich in Jahrhunderten der Vorurteile herausgebildet haben. Doch auch das Deckenfresko der Würzburger Residenz von Tiepolo (1752/1753) zeigt exotische und fantastische Darstellungen von schwarzen Menschen, wie uns die Kunst das damals herrschende Weltbild vermittelt hat.

Lassen sich Geschichte und Tradition wirklich auswischen oder übermalen? Ist das Verschwinden solcher Relikte eine Lösung? Geschichte lässt sich nicht durch die Entsorgung unliebsamer Aspekte ausräumen, sondern allein durch Aufklärung bewältigen. Dies haben wir zumindest aus den Diskussionen um die problematischen Denkmäler gelernt.
Im fränkischen Coburg befasst man sich schon lange mit dem Mohrenkopf im Stadtwappen. Nach einer kritischen und ergebnisoffenen Diskussion erklärte ein Stadtsprecher, dass es zwar wichtig sei, das Thema zu diskutieren, aber für eine Änderung des historischen Stadtwappens sei der Coburger Mohr nicht der richtige Anlass.

v.l.:Vollwappen der Grafen Wolffskeel von Reichenberg, Wappen der Familie von Wolffskeel, Wappen der Familie von Grumbach seit1492, Wappen von Uettingen, Wappen von Unterpleichfeld, Wappen von Burggrumbach, altes Landkreiswappen Würzburg (1957-1974).

 

Text und Bilder v. Kulturgeschichtlicher Arbeitskreis Burggrumbach Günter Dusel